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Rezension: Cyberpunk 2020 (deutsche Ausgabe)

Da ich ein großer Fan des Literaturgenres Cyberpunk (William Gibson et al.) bin, eine uralte Ausgabe der Regeln im Schrank gefunden habe und in Zukunft mal wieder eine Runde in diesem Genre spielen wollte, habe ich mir die 2008 im Games-in Verlag erschienene deutsche Ausgabe von Cyberpunk 2020 zugelegt. Der Rund 420 Seiten starke Band entspricht der zweiten, neu überarbeiteten Edition und ist in einem ansprechenden Hardcover mit vertrauenserweckender Bindung verlegt worden. Das Layout ist dreispaltig, wirkt eher einfallslos und die eher seltenen Illustrationen sind zumeistschwarz-weiss gehalten.

Aber zurück zum Spiel: In Cyberpunk kann man aus neun Rollen wählen, die alle über Spezialfertigkeiten verfügen. Daneben gibt es neun Attribute und eine Vielzahl von Skills, die alle über Charakterpunkte “gekauft” werden können. Je nachdem wie stark man die Figuren für die Spielrunde will, so stellt man mehr oder weniger Punkte zur Verfügung. Die Kampfregeln sind recht einfach gehalten beinhalten aber alles was man für den modernen Nah- und Fernkampf benötigt. Die Spielmechanismen basieren auf Checks mit sechs- oder zehnseitigen Würfeln, alle so weit so gut. Ob man die Net-/Matrix-Runner Regeln wirklich braucht muss jeder selbst entscheiden. Ich finde es besser, diese “Funktion” lagert man an einen NPC aus, damit der Spielfluss nicht ständig zerrissen wird. Was man negativ ankreiden könnte ist, dass Kämpfe in der Regel recht hart sind und es schnell zu Todesfällen unter den Spielern kommt. Aber es ist passend zum Setting. Und hier wird auch keine fantastische Zukunftswelt beschrieben sondern die dreckige, deprimierende und tödliche Welt der Romane William Gibsons und anderer Protagonisten des jungen und schon leider fast wieder vergangenen Literaturgenres.

Diese Zukunft, die dort entworfen wird, macht das Spiel auch so interessant. Im Gegensatz zu Shadowrun, wo es ein ähnliches Setting gibt, wie etwa kybernetische Implantate oder eine Matrix / ein Netzwerk mit Runnern darin und generell die Verschmelzung von Mensch und Maschine mit Technik beschworen wird. Aber im Unterschied zu Shadowrun, muss man bei Cyberpunk 2020 nicht mit Magie, Shamanen und Drachen, Orks und anderen Metamenschen rechnen – eine Wohltat für den Cyberpunker. Ich habe früher Shadowrun gespielt und fand die Mischung von Fantasy und Cyberpunk höchstens von der Spielmechanik interessant vom Setting und der Welt her nicht. Cyberpunk ist rohe Gewalt und Technikverschmelzung – mehr ist es nicht und das ist auch gut so.

Ein wirklich gutes Spiel in einem düsteren Setting. Man muss nur einige Abstriche bei der zeitlichen Einordnung vornehmen. Als das Rollenspiel 1988 erschien, war das Jahr 2020 vermutlich noch im Bereich des Möglichen für die technologische und gesellschaftliche Entwicklung. Aber heute nur noch knapp ein Jahrzehnt von 2020 entfernt, muss man es vermutlich 20 oder 30 Jahre später ansiedeln bis man das Gefühl hat, dass die beschriebene Zukunft auch wahr werden könnte.

Was an der deutschen Ausgabe noch besonders nett ist, dass das Buch die knapp 100 Seiten von “Blackhand Street Weapons” integriert. So steht ein riesiges Arsenal an Waffen zur Verfügung. Damit stirbt es sich noch schneller, aber es macht verdammt viel Spaß…

Es gibt noch eine dritte Edition des Spiels: Cyberpunk 203X. Diese Ausgabe ist laut Wikipedia umstritten, sie hat mich aber von der Beschreibung nicht so sehr angesprochen, daher fiel meine Wahl auf die 2. Edition. Was mich besonders am Setting von Cyberpunk 203X irritierte ist, dass es kein allumfassendes Netz gibt, sondern immer nur gesonderte, kleinere Netze. Auch die Verlagerung von einer unschönen aber immerhin vorhanden Gesellschaft hin zu einer eher postapokalyptischen Szenerie war nicht das, was ich unter Cyberpunk verstehe und auch nicht spielen will. Das Regelsystem wurde mit Cyberpunk 203X auf das frei verfügbare Fuzion System umgestellt, was dann das letzte Fünkchen war, mich nicht mit der allerneuesten Version zu beschäftigen. Auch der Games-in Verlag hat vermutlich erkannt, dass Cyberpunk 203X nicht das ist, was man erwartet und daher dankenswerter Weise die 2nd Edition publiziert.

Wertung (7 / 10): Weil es ein Klassiker ist, der immer aktuell sein wird gibt es 7 Punkte. Auch die Aufmachung und die Verarbeitung ist in diesem Bereich anzusiedeln. Auch wenn sprachlich das englische Original besser wegkommt, ist es dem Games-in Verlag zu danken, dass er sich so sorgfältig dieses Klassikers angenommen und mit dem Waffenanhang noch aufgewertet hat.